Freitag, 9. Mai 2008

Barock-Tanz, ein echter Figaro, Blues und Laurea

Diesmal gibt es wirklich viel zu erzählen. Damit ich nix vergesse, versuche ich mal die Ereignisse in ihrer Reihenfolge zu rekonstruieren. Nachdem Niko weg war, habe ich zwei Wochen mit dem Lernen für die anstehenden Prüfungen verbracht. Man konnte in dieser Zeit auch gar nichts anderes tun, denn alle meine Freunde waren sooo beschäftigt, dass sie der Meinung waren sich keine Ablenkung genehmigen zu können. Also bestanden diese Tage aus reinem Lernen und Einsamkeit und Frieren am Schreibtisch. Letzteres deshalb, weil meine Mitbewohner mir verboten die Heitzung anzuschalten. Nur zwei Ausnahmen gab es: Die erste war der "giorno delle lauree", der Tag an dem zwei meiner Freundinnen ihren Bachelor bzw. ihren Master machten. Ich ließ also das lernen ab der Mittagszeit sein und drückte stattdessen Cinzia und Luisa die Daumen und hörte bei Ihren mündlichen Verteidigungen der Abschlussarbeiten zu, wofür viele Freunde und Familienangehörige angereist waren. Besonders feierlich wurde es als Cinzia dran war, denn für Master-Kandidaten kleiden sich die Professoren im Kommitee in schicke Roben. Außerdem erhielt Cinzia ein "con lode" und wurde für den Enthusiasmus in ihrer Arbeit gelobt. Danach musste natürlich gefeiert werden: erst mit der Familie und dann später am Abend mit den Freunden.
Die zweite Ausnahme war das Blues-Konzert der Band eines guten Freundes. Das war das erste Mal seit Ewigkeiten, dass ich mal wieder nicht-klassische Livemusik zu hören bekam. Nicht nur deshalb war ich wirklich begeistert. Die Jungs der Relic Blues Band waren WIRKLICH SAUGUT! Perfektes Zusammenspiel, großartiges Entertainment und echtes Improvisationstalent.

Nach den Prüfungen standen dann gleich zwei verlängerte Wochenenden an: das erste dank des "giorno della liberazione" (Tag der Befreiung), das zweite wegen des ersten Mais. Den "giorno della liberazione" beging ich mit ein paar Freunden pizzaessend am Domplatz. Danach gab´s das inzwischen fast obligatorische Eis, weil eine meiner Freundinnenden den Kellner der Eisdiele so schnuckelig fand. Beim flanieren danach entdeckten wir dann, dass in der Piazza Roma ein Live-Konzert stattfand,wo eine wirklich gute florentiner Band (Train de vie) spielte. Deren Musik gefiel mir sehr gut. Das ganze war zugleich auch politische Aktion, bei der daran erinnert wurde, dass Italien trotz oder gerade wegen der Wiederwahl Berlusconis nicht in alte Muster zurückfallen dürfe.
In den darauffolgenden Tagen brachte Langeweile mich dazu, in Mailand shoppen zu gehen und mir die Haare bei einem italienischen "Figaro" ;-) schneiden zu lassen.
Eigentlich hätten dann die Vorlesungen wieder beginnen sollen, aber wegen des noch ausstehenden verlängerten Maiwochenendes haben unsere Professoren den Vorlesungsbeginn um eine Woche verschoben. Daher nutzte ich einen der freien Tage um einen Ausflug nach Pavia, zum Hauptsitz meiner Uni zu machen. Pavia an sich ist schon sehr hübsch, aber regelrecht verliebt habe ich mich in die Uni. Sie ist nach Bologna die zweitälteste Universität überhaupt und setzt sich aus einem Gebäudekomplex mit unzähligen idyllischen Innenhöfen zusammen. In den Höfen sitzen die Studenten zwischen bewachsenen Bogengängen, Palmen und kleinen Brunnen und lesen oder studieren gemeinsam - in SO EINER Atmosphäre würde ich auch gerne lernen!
Nach einem Spaziergang hinunter zum Ticino-Fluss, wo man eine sehr schöne Sicht auf die Stadt hatte, bin ich dann zur Basilica San Pietro in cielo gepilgert,wo der große (Musik-)Philosoph Boetius begraben liegt. In Auftrag eines Freundes und auch im eigenen Interesse habe ich dann eine (leider elektrische) Kerze vor seinem Grabmahl "angezündet".

Inzwischen haben endlich die Vorlesungen wieder angefangen. Dieses Semester besuche ich besonders interessante Lehrveranstaltungen. Zu einer davon gehört auch ein Seminar über barocken Tanz. Heute haben wir dort gelernt wie man mit Hilfe verschiedener historischer Quellen wie z.B. Traktaten die verschiedenen Tänze (Allemande, Sarabande, Gigue, Menuett usw.) rekonstruieren kann. Nebenan ist ein Beispiel für eine notierte Tanzchoreografie aus einem Traktat des barocken französischen Choreografen Raoul Feuillet zu sehen, der eine der wichtigsten Quellen darstellt. Tatsächlich haben wir dann selbst barocke Tänze getanzt. Erst eine englische Gigue nach einem Vorbild aus einer Purcell-Oper und danach eine Bourèe, einen französischen Hoftanz.
Jetzt gleich werde ich mal wieder mit Freunden Eis essen gehn. Schließlich ist es hier jetzt wirklich Sommer geworden :-)