Freitag, 21. Dezember 2007

Bald ist Weihnachtsabend da...

Wieder ist viel passiert. In den letzten Wochen fing ich dann tatsächlich doch noch an mich weihnachtlich zu fühlen. Wir haben jeden Adventssonntag unseren Adventskaffee abgehalten, Plätzchen gebacken und Weihnachtskonzerte gehabt. In Mailand bin ich über den zugegebenermaßen recht mickrigen und nicht richtig weihnachtlichen Weihnachtsmarkt geschlendert und wir haben im Cremoneser Dom Vivaldis Gloria und Bachs Magnificat gehört.

Und dann waren da ja noch die Lauree - also die Bachelor- und Master-Verteidigungen mit anschließender Feier. In Cremona ist das total schön und feierlich: Zur mündlichen Verteidigung der Abschlussarbeiten kommen nicht nur Proffessoren und interessierte Kommilitonen, sondern auch die ganze Familie des Kandidaten inklusive Tanten, Onkeln, Cousins, Omas und Opas sowie die besten Freunde. Sara nach der Verteidigung ihrer Tesi di Laurea specialisticaIch habe mir auch die Verteidigungen von Francesco aus unserem Chor und die von Sara angehört, die ich damals in Berlin als ERASMUS-Studentin kennengelernt hab. So eine feierliche Stimmung hab ich bei solchen Gelegenheiten hier in Deutschland nicht erlebt...

Danach hat Sara mich noch zum Anstoßen mit Familie und Freunden eingeladen. Ihre Freunde haben sie dann gezwungen dieses T-Shirt zu tragen, sich so einen Kranz aufzusetzen, der wohl Glück bringt und mitten im Corso Garibaldi Sekt aus der Flasche zu trinken.

Luisa und Marianne beim Teig knetenDa der Ofen bei mir zu Hause defekt ist haben wir bei Cinzia und Alice zu Hause Plätzchen gebacken. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht. Marianne und ichDa die Italienerinnen das zum ersten Mal gemacht haben, war es wie mit Kindern Plätzchen zu backen. Diese strahlen den Augen, die konzentrierten Gesichter und dann der Stolz...Cinzia

Marianne, Cinzia und Alice Die Plätzchen sind dann auch echt gut geworden. Himmlisch, wenn man mich fragt!





Dann mussten die Plätzchen natürlich auch gegessen werden. Das war aber kein großes Problem:Daniele, Ananda und MarianneElisa und ich innerhalb von kürzester Zeit hatten unsere italienischen Freunde die Plätzchen am folgenden Adventssonntag weggefuttert...
Noemi und AnandaEs war mal wieder sehr gemütlich, wir haben schöne Gespräche geführt und einfach die Zeit genossen. Auf meine Bitte hin haben dann alle noch "Tu scendi dalle stelle" für uns deutsche gesungen, die wir das nicht kannten. Anschließend waren wir beim Weihnachtskonzert im Dom, wo mich auf einmal eine weihnachtliche Stimmung überschwappte ;-)



während der Busfahrt, Chorleiterin Ingrid im VordergrundAm Dienstag hatten wir dann unser erstes großes Konzert mit dem Chor: eine ganze Stunde lang Weihnachtsmusik. singen während der Busfahrt: Carlo, Carlotta, Guglielmo und Luisa
Wir sind dafür nach Reggio Emilia gefahren, eine Stadt, die ca. eineinhalb Stunden mit dem Bus südlich von Cremona liegt. Das Konzert war wieder Erwarten echt schön. Aber auch die Fahrt hat Spaß gemacht! Ich freu mich schon auf die nächsten Chorfahrten...
Coro della Facoltà di Musicologia
in concert

Montag, 10. Dezember 2007

Advent, Advent ...

In letzter Zeit wurde ich mehrfach gefragt, wie denn die Adventszeit hier in Cremona so sei. Da das ein Thema zu sein scheint, was mehrere von euch interessiert, habe ich beschlossen hier mal für alle davon zu berichten...
Wie wahrscheinlich inzwischen überall auf der Welt ist auch hier die Weihnachtszeit für viele sehr stressig. Alle Musiker wissen, dass zum Advent und an Weihnachten immer unzählige Konzerte anstehen. So auch hier: mit unserem Chor haben wir in den nächsten 9 Tagen vier Konzerte: eins im Cremoneser Krankenhaus, eins in einer Kirche hier in der Nähe eins in Reggio Emilia und dann das Weihnachtskonzert unserer Fakultät. Heute habe ich mich mal hingesetzt und meine Stimme geübt. Wir haben nämlich ein Programm aus 20 Stücken, von denen einige wirklich schwierig sind, zu bewältigen.
Ansonsten habe ich ja schon berichtet, dass die ersten Weihnachtsdekorationen schon ende Oktober in den Straßen hingen.
Marianne und ich haben beschlossen, dass wir der weihnachtlichen Hektik ein bisschen Besinnlichkeit und Gemütlichkeit entgegensetzen wollen. Ananda, Marianne und Cinzia am ersten AdventDeshalb organisieren wir jetzt jeden Adventssonntag einen Adventskaffee/tee mit unseren Freunden. Selbstgebackene Kekse aus Deutschland, Printen, Glühwein, Kerzenschein und Weihnachtsmusik. Unsere italienischen Freunde waren alle ganz begeistert davon. Viele meinten soetwas gäbe es hier in Italien nicht: niemand bäckt hier selbst Plätzchen. Kerzen sind nur Deko und sich mal gemülich zusammensetzen war für viele auch etwas Neues.
Der Nikolaustag wird hier leider gar nicht gefeiert, dabei ist doch ganz Italien ein riesiger Stiefel, der gefüllt werden könnte...
Aber mal im Ernst: in Bari, wo der heilige Nikolaus begraben ist (wie Judith und ich letztes Jahr gesehen haben), feiert man wohl doch den 6. Dezember. Ansonsten kommt hier in Itralien am Morgen des 25. Dezembers der Babbo Natale und am 6. Januar die Befana. Kennt ihr die Geschichte der Befana? Ich find sie toll: Befana ist eine Hexe, die damals durch die drei heiligen Könige von Jesù Geburt erfahren hat. Weil sie aber zu spät aufgebrochen ist (sie hat mit der Hausarbeit getrödelt), hat sie den "Stern von Betlehem", der sie zur Krippe führen sollte, verpasst. Seit dem fliegt sie jedes Jahr am 6. Januar, von Haus zu Haus und und bringt den Kindern Geschenke - in der Hoffnung das eines von ihnen das Jesuskind wäre...

Ich hatte ja letztens schon mal erwähnt, dass in der Piazza Roma eine kleine Eisbahn aufgebaut worden ist. Neulich waren wir da Schlittschuhlaufen - allerdings war es nicht wirklich schön: die Bahn ist so winzig, dass man nen Drehwurm bekommt, die Ausleih-Schlittschuhe sind unbequem und dann fing es auch noch an zu regnen...

Neulich habe ich hier übrigens meinen ersten italienischen Döner gegessen. Er war erwartungsgemäß ziemlich schlecht: pappiges Brot, fettes Fleisch, kaum Gemüse und die Soße war auch nicht gut. Eigentlich wollten die auch Pommes und Ketchup rein tun, aber das hab ich gleich verboten. Unglaublich was für eine Geschmacksverirrung! Ich will nen Berliner Döner!!! Was hier dagegen sehr gut schmeckt, ist ein italienisches "Fastfood": Piadina! Das sind so flammkuchenartige Fladen, die mit leckeren Zutaten gefüllt werden. Mhhhmjam ;-)

Seit dem 19. November haben wir ja hier neue Kurse, weil das neue Trimester angefangen hat. Marianne, Cinzia, Ananda und ich in der OperIn einem meiner Kurse sitzen auch die Liutai (Seiteninstrumentenbauer), die sich auf Barockinstrumente spezialisieren: In dem Kurs "Storia della prassi esecutiva" (Geschichte der musikalischen Aufführungspraxis) sind also Musikwissenschaftler und Geigenbauer vereint. Einerseits ist das toll, weil die Liutai uns einiges zu den Instrumenten dieser Zeit erklären können. Andererseits hält es auch ein bisschen auf, denn sie stellen manchmal solche Fragen wie: "Wie schreibt man 'Dufay'?" oder "Was ist ein Melisma?" und erwarten dann einer ausführliche Erklärung.

In einem meiner anderen Kurse, Etnomusicologia, war neulich eine Koryphäe der Musiketnologie zu Gast: Prof. Kofi Agawu von der Princeton University hat uns einiges zum Rhythmus und Symbolismus von afrikanischer Musik erklärt, was wirklich toll und total interessant war.

Cremoneser OpernhausAber auch in der Freizeit lasse ich hier kein kulturelles Highlight aus: am Freitag waren wir beim "Public Viewing" im hiesigen Opernhaus. Dort wurde nämlich der Eröffnungsabend aus dem Mailänder Teatro alla Scala live übertragen. Es war der Hammer: absolute Starbesetzung mit Daniel Barenboim als Dirigent, Patrice Chéreau als Regisseur, Waltraut Meier als Isolde und Matti Salminen als König Marke, um nur die wichtigsten zu nennen. War wirklich ein toller Abend! Habe festgestellt, dass "Tristan und Isolde" mir doch sehr gefällt. Muss wohl an der schlechten Inszenierung in Berlin gelegen haben, dass es mir vorher nicht gefallen hat...

Heute ist kein schöner Tag: erstens bin ich seit einigen Tagen schon wieder total erkältet und außerdem war es heute mal wieder den ganzen Tag über neblig. Heute konnte ich den Torrazzo von meinem Balkon aus noch nichtmal erahnen. Auch jetzt, wo es dunkel und der Torrazzo beleuchtet ist, sieht man ihn nicht. Das ist nämlich einer der großen Nachteile der "pianura padana" (Po-Ebene): Die große Luftfeuchtigkeit, die im Winter oft Nebel mit sich bringt. Vielleicht bin ich ja deswegen schon wieder erkältet.

Am Donnerstag werden hier einige meiner Kommillitonen ihren "Laurea"-Titel erhalten, also einige schließen den Bachelor ab, andere den Master. Dementsprechend wird wohl ordentlich gefeiert werden. Wenn hier jemand feiert, egal wer, ist es üblich einfach irgendwelche Leute mirzubringen, auch wenn sie nicht explizit eingeladen sind. Hier geht einfach jeder zu Jedermanns Festen. Ich weiß noch nicht ob ich diese Angewohnheit gut oder schlecht finden soll, aber uns deutschen ist es hier schon ein paar Mal passiert, dass wir gefragt wurden warum wir unsere Freunde/Mitbewohner nicht mitgebracht hätten und als wir dann meinten sie wären nicht eingeladen wurden wir dumm angegeuckt: "Aber hier ist JEDER eingeladen..."